Kopfbedeckungen

Ich mag Kopfbedeckungen. Ich mag Hüte, Mützen, Kappen, Turbane und Schleier.

Ausgerechnet in dem Bereich, auf den ich mich fokussiere, 5. Jahrhundert Norditalien/Süddeutschland/Adria, ist es aber ziemlich schwierig, überhaupt was zum Thema zu finden. Hier eine Auswahl von Abbildungen:

Also vorne hoch, hinten aufgeräumt – ein bisschen wie eine Mischung aus Jugendstil, Belle Epoque und Captain Janeway.

Dann habe ich mich ein wenig weiter umgesehen und bin auf diese Sprang Kappe aufmerksam gemacht geworden.

Rote Wolle. 2. – frühes 4. Jahrhundert. 24 cm lang, 30 cm breit.

In dem Zusammenhang auch diese Kappe:

Hut, 3.-5. Jahrhundert oder später, Ägypten, Akhmim (früher Panopolis) zugeschrieben
Wolle; Sprangtechnik. Der Hut, in der Grundform ähnlich dem roten Hut ist im Oberkopfbereich eng geschnürt.

Die rote Kappe (25.3.217a) und die (nicht gezeigten) beiden braunen Kappen (25.3.217b und c), die übereinander auf dem Kopf einer Frau in einer von der Ägyptischen Museumsexpedition ausgegrabenen und dokumentierten Bestattung aus der Römerzeit gefunden wurden, sind seltene datierbare Beispiele für Kopfbedeckungen. Zugbänder dienten dazu, die rote Kappe über zwei Lagen Stoff zu spannen, von denen eine (25.3.218) um den Kopf der Mumie gewickelt war.

Met Museum Page

Das Metropolitan Museum ist übrigens derart toll, dass es nicht nur Bilder anzeigt, sondern auch Literatur. Das Buch „Textiles of Late Antiquity“ kann man sich, da es nicht mehr im Druck ist, entweder als pdf herunterladen oder online lesen: https://www.metmuseum.org/art/metpublications/Textiles_of_Late_Antiquity

Ich habe mal gesprangt, aber ehrlich gesagt, nicht wirklich Lust, jetzt wieder damit anzufangen ….

Aber nun wird es interessant. Ein Bild weiter im Met Museum landen wir nämlich hier bei dieser Kinderkopfbedeckung:

Kopfschmuck vom Kopf einer Mumie eines Kindes. 2. – frühes 4. Jahrhundert. Gelbes Leinen, braune Wolle. 67 cm lang, 25 cm breit. Aus Ägypten; soll aus dem nördlichen Oberägypten, Akhmim (Khemmis, Panopolis) stammen.

Das sieht für mich aus, als wäre es als Ganzes gesprangt worden und dann im Folgenden, also im Nacken (?) ausgephast worden in zwei Schwänze, die dazu benutzt werden können, einen Turban zu wickeln. Im Nacken, an der Übergangsstelle zu den Schwänzen, dann noch eine Verstärkung, ggf. für ein Bindeband.

Wie ich darauf komme? Ganz einfach, weil beim weiteren Suchen dieser Blogeintrag zu einer ähnlichen Kopfbedeckung auftauchte.

Turban vom Kopf einer Mumie eines Kindes, 3.-frühes 4. Jahrhundert, aus Ägypten, Oberägypten, Theben, Deir el-Bahri, Tal nördlich des Tempels der Hatschepsut, Leinennetz, 68 cm lang, 40 cm breit.

Und neben anderen tollen Dingen ist da auch diese Kopfbedeckung aus dem VAM in London im Blog zu finden und die ist ausnahmsweise mal nicht gesprangt, sondern gewebt:

Kopfschmuck, hergestellt in Ägypten (Fayum); 300-599.
Einfarbig locker gewebtes Leinen mit Querstreifen, mit violetter Wollkordel, gefranst.
Gesamtlänge: 107,5 cm
Breite: 21,1 cm
Von der Oberkante des Kopfes bis zum Schlitz im Nacken: 36,2 cm
Vom Scheitel bis zur Höhe der Wollbändchen: 22,5cm

Obwohl dieser Kopfschmuck außergewöhnlich gut erhalten ist, kann er nicht genau datiert werden. Von einer verheirateten Frau im Ägypten des ersten Jahrtausends n. Chr. wurde erwartet, dass sie ihren Kopf bedeckt, wenn sie sich im Freien aufhielt, und Funde aus vielen Grabstätten zeigen, dass feine Haarnetze und aufwändig gemusterte Mützen ein üblicher Schutz waren.
Der Kopfschmuck mit seinen langen schalartigen Enden ist so locker gewebt, dass er den Eindruck von Streifen erweckt. Das ursprüngliche rechteckige Textilstück wurde zusammengenäht und an einem kurzen Ende gerafft, damit es auf den Kopf passt. Das andere kurze Ende ist bis zum Hals geteilt und bildet zwei Laschen, die möglicherweise als Schal um den Hals dienten oder wie ein Turban um den Kopf gewickelt wurden. Die Flügel enden in einer Franseneinfassung aus den Kettfäden. Auf Kinnhöhe befinden sich Reste von violetten Wollbändern, mit denen es befestigt wurde.
Kopfbedeckung aus feinem Leinen, locker gewebt in Leinwandbindung mit Querstreifen, die Streifen sind breiter und werden zum Ende des „Schals“ hin schmaler. Die Streifen sind abwechselnd ein Streifen aus gewebtem Stoff und ein Streifen aus reinen Kettfäden (d.h. sie wurden nicht durch den Eintrag von Schußfäden verwebt). Das ursprünglich rechteckige Textilstück wurde zusammengenäht und an einem Ende gerafft, damit es auf den Kopf passt. Die Verbindungsstiche sind dekorativ ausgeführt. Das andere Ende wurde bis zum Hals geteilt, um zwei „Laschen“ zu bilden, die möglicherweise als Umschlag dienen. Die unbearbeiteten Ränder sind gerollt und handgenäht. Die „Klappen“ enden in einer Franse, die aus den Kettfäden gefertigt ist. Lila Wollbändchen in Kinnhöhe zum Binden sind noch vorhanden.
In Ägypten wurden viele Kopfbedeckungen gefunden, die aber bisher wenig untersucht wurden. Obwohl dieser Kopfschmuck außergewöhnlich gut erhalten ist, kann er nicht genau datiert werden. Seine genaue Bedeutung ist daher noch schwer zu beurteilen.Die meisten Kopfbedeckungen, die in koptischen Gräbern in Oberägypten gefunden wurden, sind in Sprang gefertigt und haben die Form eines Beutels. Sprang ist eine Methode zur Herstellung eines Textils, bei der parallele Fäden einer Kette ineinander verwoben, verflochten oder verschlungen werden, wobei benachbarte Fäden oder Gruppen von Fäden miteinander verbunden werden. Dadurch entsteht ein elastisches Textil, das auf individuelle Maße gedehnt werden kann. Im Gegensatz dazu werden bei diesem Kopfschmuck Bänder aus Leinwandbindung zwischen Bändern aus nicht verwobenen Kettfäden verwendet, um eine feste Struktur mit einer gewissen Flexibilität zu schaffen, die es ermöglicht, den Kopfschmuck über den Kopf zu dehnen. Die langen Enden an jeder Seite des Kopfes könnten um den Hals oder lose auf den Schultern getragen worden sein. Eine andere Möglichkeit ist, dass sie als Haarband/oder Netz dienten. Nach Hero Granger-Taylor (persönliche Mitteilung Anfang 2009) wäre der Kopfschmuck als Turban getragen worden.
Üblicherweise war es der Usus, dass Frauen ihren Kopf bedeckten. Zu diesem Zweck wurden einfache Schleier oder die Randstücke von Tüchern und Schals verwendet. Es gab aber auch spezielle Kopfbedeckungen in Form von Netzen, Kopftüchern oder Hauben. Die Köpfe der Frauen wurden sogar im Grab bedeckt – ebenso wie die Füße -, denn der Tod war für den Gläubigen kein Ende, sondern eine Vorbereitung auf eine neue Geburt. Daher wollten sich die Christen im Moment der Auferstehung des Körpers in ihrer schönsten Kleidung präsentieren. Manchmal wurde die Kopfbedeckung auf eine andere Art und Weise am Körper angebracht, als sie im Leben getragen worden wäre (zum Beispiel über die Augen gelegt. Oder es konnten mehrere übereinander getragen werden). Für eine hilfreiche Betrachtung, siehe Frances Pritchard. Clothing Culture: Dress in Egypt in the First Millennium AD. Manchester: Whitworth Art Gallery, 2006, Kapitel 6.

VAM Page

Das einzig blöde ist: Ich habe immer noch nicht richtig verstanden, wie das Ganze jetzt aussieht. Es gibt auch scheinbar nur das eine Foto des Schals. Hab schon Freunde aus London drauf angesetzt, vielleicht kann ja jemand ein Foto machen.

Solange bemühe ich mal meine geringfügigen Malfähigkeiten:

Also ich weiß nicht. Irgendwie hab ich nen Knoten im Gehirn. Wenn das Teil so aussieht am Ende, dann sind die Flügel doch viel zu kurz? Es hilft nichts, ich werde mal zu Stoff und Schere greifen müssen.

Besteck

Meine Bestellung von Kayserstuhl ist angekommen!

Von oben nach unten:

Ligula – ca. 2./3. Jh

https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl010256295

Infos: https://www.antike-tischkultur.de/besteckligulamandelform.html

Cochlear – ca. 2./3. Jh

https://www.britishmuseum.org/collection/object/H_1850-0601-14

Infos: https://www.antike-tischkultur.de/besteckcochlear.html

Cignus – ca. 4./5. Jh

https://www.britishmuseum.org/collection/object/H_1994-0408-115

Infos: https://www.antike-tischkultur.de/besteckkurzloeffel.html

Fuscinula – ca. 3./5. Jh

Infos: https://www.antike-tischkultur.de/besteckgabeln.html

Römische Trinkgläser

Tipp, wenn man eine bestimmte Art römisches Glas günstig sucht: schlichte Zuckerschalen aus Glas. Sind etwas kleiner und nicht ganz das Original, aber dicht genug dran.

Ein anderes Thema: braucht jemand zwei Milchkännchen?

Linktipp: www.antike-tischkultur.de

Scheußlich unübersichtliche Navigation, aber die beste Sammlung von Quellen und Funden, die ich kenne.

Der Geist im Glas

Für Plague Wars, ein Event, das diese Woche startet, habe ich eine Gute-Nacht-Geschichte aufgenommen. Agilmar hat die Dateien geschnitten und Musik druntergelegt und dann habe ich das Ganze noch zu einem Video zusammengefügt. Freut euch drauf!

Teaser ohne Ton

römische Körperketten

Eigentlich sollte dieser Artikel „those damn bodychains!“ oder „warum ich Körperketten nicht (mehr) trage“ heißen, aber seien wir ehrlich, die Geschichte und Archäologie entwickeln sich immer weiter. Daher wäre der korrekte Untertitel eigentlich: „Warum ich sie im Moment nicht trage“.

Dekorative Körperketten gehörten zu den wertvollsten Schmuckstücken in der Zeit vom 1. Jahrhundert bis in die spätrömische Zeit. Wie sie getragen wurden, lässt sich anhand von antiken Wandmalereien und Mumienporträts aus Ägypten rekonstruieren. Darstellungen belegen die weite Verbreitung der Körperketten, obwohl sie sicherlich nur für die wohlhabende Oberschicht der römischen Gesellschaft erschwinglich waren.

Funde

1 – Boscoreale Fund, Gesamtansicht und Detail – Körperkette, 1. Jahrhundert, 70 cm Länge, 325 Gramm
Mehr zum Schatz von Boscoreale / Auch hier auf der Seite des Louvre 

2 – Kette aus Pompeij, Draufsicht, Seitenansicht
Mehr Infos: Ausstellung / Oder auch hier / Und ein paar Bilder

3 – Kette aus dem 1. Jh. (Vesuv), die in diesem Artikel als Catenae(*) beschrieben wird

4 – Eine Kette aus dem 1. Jh. (Vesuv) zu der ich leider nur einen Pinterest-Link habe und nichts weiter. Unklar, ob es eine Körperkette oder eine Halskette ist. Hierzu zum Vergleich eine 3-reihige Halskette aus dem KHM Wien aus der 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts.

5 – Hoxne Fund, Vorderseite und Rückseite
Goldene Körperkette, vergraben im frühen bis mittleren 5. Jahrhundert bei Hoxne, Suffolk, England, Länge 84 cm.
Mehr Info auch hier und auf der Seite des British Museum 

6 – Şimleu Silvaniei Fund, Vorderseite und Rückseite – Körperkette mit 52 amulettförmigen Anhängern, ostgermanisch (gepidisch?), 2. Viertel des 5. Jahrhunderts

7 – byzantinische Brustkette, frühes 7. Jahrhundert, 72 cm lang, 640 g schwer, Gesamtansicht und Detailansicht
Mehr Info zur Shekh Abada Kette

(*) catenae: „bis zu sechs Fuß lange Goldketten, die eng um die Taille einer Frau gewickelt wurden und dann ihre Brust und Schultern im Bandelier-Stil kreuzten.“ 6 Fuß = 182 cm.

Repliken

nach Hoxne: https://www.tematika.es/eshop/en/rome/141-body-chain-hoxne.html
(175 EUR, getragen am Modell einer jungen, schmalen Frau)

nach Pompeij: https://www.replik-shop.de/product_info.php?language=en&products_id=927
(179 EUR, etwas kleiner und filigraner im Ganzen, und in der Trageweise ebenfalls am Brustbein orientiert)

Abbildungen

Schauen wir auf weitere Funde, bzw. in das Reich der Abbildungen und Statuen. Wir sehen viel Nacktheit, eine Menge Göttinnen und Musen, die nehme ich mal aus der Betrachtung raus, denn es geht mir um Darstellungen des tatsächlichen Tragens.

1 – Fayum Portrait
Mehr dazu: https://alex-kopein.livejournal.com/321122.html
Was beim Fayum Portrait interessant ist, gerade auch im Vergleich zu den anderen Portraits dieser Art, ist die Tatsache, dass es sich deutlich um ein Mädchen bzw. eine eine junge Frau handelt. Und dass sie die einzige ist, die mit einer Körperkette abgebildet ist, aber das mag der Fundlage geschuldet sein. Hier ist noch etwas mehr zu Fayum Portraits zu lesen: https://en.wikipedia.org/wiki/Fayum_mummy_portraits, ich denke, da bietet sich, gerade was das o.g. Bild angeht, eine nähere Recherche an (wo wurde es gefunden, in welchem Zusammenhang, aus welcher Zeit stammt genau dieses Bild). Muss da nochmal etwas Hirnschmalz investieren.

2 – aus dem Begram Fund: eine Statue aus Indien, 1. Jh. AD
Mehr dazu: https://en.wikipedia.org/wiki/Begram_ivories
Wikipedia schreibt zur indischen Statue, dass die Funde aus Begram auf ein Datum nicht später als das 2. Jahrhundert datiert wurden, das Gebäude selbst, in dem die Elfenbeine gefunden wurden, wurde auf das 1. Jahrhundert n. Chr. datiert. Diese Statue: https://en.wikipedia.org/wiki/Pompeii_Lakshmi (Pompeij Lakshmi), die in Pompei gefunden wurde, legt einen Handel zwischen dem römischen Reich und Indien nahe.

3 – Eine Abbildung aus Pompeij, 1. Jh. AD
Mehr dazu unter: https://en.wikipedia.org/wiki/Pompeian_Styles
Bei dem Pompeij Bild muss man schon sehr genau hinsehen, um so etwas ähnliches wie den Ansatz einer Kette bei ihr zu erkennen, aber gut. Laut Wiki Commons: „Eine antike römische Wandmalerei in Raum 71 des Hauses von Marcus Fabius Rufus in Pompeij, Italien, zeigt Venus mit einem Amor, der die Arme um sie geschlungen hat. Es handelt sich höchstwahrscheinlich um eine Darstellung von Kleopatra VII. aus dem ptolemäischen Ägypten als Venus Genetrix, mit ihrem Sohn Caesarion als Amor.“ Da sind wir wieder im Götterbereich. Mein Mann mag was anderes sagen, aber ich bin keine Göttin.

4 – eine Statue, gefunden in Fayum, 1. – 2. Jh.
Mehr dazu: https://www.britishmuseum.org/collection/object/G_1926-0930-42

5 – die Statue einer Nike aus dem 1. Jh.
Mehr dazu: https://www.gazettenet.com/Smith-College-Art-Museum-unveils-treasures-from-ancient-Rome-7790768 (mit Video) und hier: https://exhibitions.kelsey.lsa.umich.edu/oplontis-leisure-and-luxury/sculpture.php
Hat zwar Kleidung unter der Körperkette, aber kommt für mich nicht Betracht, da es wieder eine Götterdarstellung ist (und ohnehin lang vor meiner Zeit)

Literatur

Beim Suchen nach Catana, Catanae, Body Chain etc. bin ich noch über dieses pdf („THE ROMAN COURTESAN – archaeological reflections of a literary topos“) gestolpert. In diesem heißt es unter anderem:

Der zweite von Horaz erwähnte Schmucktyp, die Catella, ist die lange goldene Körperkette, die einen spezifischen Zusammenhang mit (käuflichem) Sex zu haben scheint. Wie Vincenzo Scarano Ussani festgestellt hat, sind goldene Körperketten, die immer gekreuzt am nackten Körper getragen werden, in einer bedeutenden Anzahl von erotischen Bildern vorhanden. Eine gekreuzte Kette ist auch in der erotischen Szene auf einem bronzenen Spiegeldeckel zu sehen, der auf der Esquiline gefunden wurde. Die Interpretationen dieser weiblichen Figur variieren von einer Kurtisane bis zu einer sexuell befreiten ’normalen‘ römischen Matrone, aber wie ich oben angedeutet habe, gilt das Argument mit Gold und Luxusobjekten nicht unbedingt nur für Matronen, und so könnte hier durchaus eine Kurtisane gemeint gewesen sein.

Die goldenen Ketten, die um die Flanken liefen, und das Gold, das die dominae an den Füßen trugen, werden in der oft zitierten und rätselhaften Passage von Plinius erwähnt, die besagt, dass solche Juwelen zum Erkennungszeichen einer „Mittelschicht“ von Frauen zwischen Matronen und Plebs wurden.
Lasst die Frauen … goldene Ketten nach Belieben um ihre Hüften laufen; und lasst kleine Beutel mit Perlen unsichtbar, an Gold aufgehängt, vom Hals ihrer Besitzerinnen hängen, so dass sie selbst im Schlaf das Gefühl haben, Edelsteine zu besitzen; aber sollen auch ihre Füße mit Gold beschlagen sein, und soll Gold diesen Ritterstand schaffen, der zwischen dem Gewand der Matrone und dem gemeinen Volk liegt?“

Diese juwelengeschmückten ‚Mittelklasse‘-Dominae hatten also nach Plinius nicht das Recht, die Stola zu tragen, waren also keine Matronen, aber auch zu wohlhabend, um zur Plebs zu gehören. Die beiden Arten von Schmuck, auf die sich Plinius bezieht, sind genau die, die im Zusammenhang mit Prostituierten (meretrician / meretrix = Dirne) konnotiert sind: Catenae an den Flanken und Gold an den Füßen, also Fußkettchen. Der dritte erwähnte Schmuck – Perlen, die sie in der Nacht in einem Beutel um den Hals trägt – erinnert an die Sorge der Prostituierten, dass ihr Schmuck gestohlen werden könnte. Vielleicht sollte der Hinweis hier, statt auf eine Klasse neureicher freier Frauen, als Hinweis auf libertine dominae (im Sinne von puellae) gelesen werden.

(…) Die vollständigsten langen goldenen Catella im Gebiet des Vesuvs stammen aus der Villa von Boscoreale und aus der sogenannten Villa B von Oplontis (ein gewerblicher Lagerkomplex) unter den Habseligkeiten des Skeletts Nr. 27, vermutlich einer Frau. Ein relevanterer Fall in diesem Zusammenhang ist jedoch die lange und vollständige goldene catella, die in einer Taverne (caupona), im Herbergsviertel beim Flusshafen von Murecine/Moregine bei Pompeij (Raum 8), gefunden wurde. Sie wurde unter den Habseligkeiten des Skeletts einer ca. 30-jährigen Frau entdeckt, die mit drei jüngeren und einer älteren weiblichen Person aufgefunden wurde. Zu ihren Habseligkeiten gehörten goldene halbkugelförmige Armbänder, ein Schlangenarmband und ein weiteres mit der Inschrift domnus ancillae suae auf der Innenseite. Der Armreif mit der Inschrift war Gegenstand langwieriger Diskussionen über den Status der Ancilla und die Frage, wem das Gold gehörte. Vincenzo Scarano Ussani hält es für sehr wahrscheinlich, dass das Gold das peculium einer Sklavin ist, sehr wahrscheinlich einer Prostituierten.
(domuns ancillae suae: Vom Meister für seine Sklavin / Bild: https://www.flickr.com/photos/mikecatalonian/27227836262)
(peculium: der Besitz von Personen, die ihrer Rechtsstellung nach nur eingeschränkte Eigentumsrechte besitzen)

(…) (Catella:) In zahlreichen Bildquellen werden solche Ketten überkreuzt auf der Brust und auf dem Rücken getragen, wobei sie bis zur Taille herabhängen, immer an einem nackten Körper und nie über der Kleidung. Wir finden dies auf mehreren Bildern von Venus und Amor, und somit wäre die visuelle Anspielung eines solchen Schmucks, wenn er am Körper getragen wird, direkt auf die juwelenbesetzte Nacktheit der Venus selbst gewesen. (…) Sex ohne Kleidung, oder insbesondere ohne das Strophium, könnte als typisch für Meretrices angesehen werden (…) Auch Trimalchios Fortunata, die durch viele Hinweise im Text als „Ex-Kurtisane“ bezeichnet wird, trägt eine gelbe Cingillum-Kette/Gürtel, die auf diesen Schmuck verweisen könnte, und sogar goldene Fußkettchen.

„THE ROMAN COURTESAN – archaeological reflections of a literary topos“

Vorläufiges Fazit

  • Catella scheint der Fachbegriff zum Suchen zu sein.
  • Es gab Körperketten.
  • Funde hierzu tauchen vom 1. bis zum 7. Jahrhundert auf.
  • Fast alle Abbildungen und Statuen hierzu sind aus Pompeij bzw. dem 1. Jahrhundert.
  • Die Längen der Ketten werden zwischen 70 und 80 cm (ich zweifle etwas an den im Smithsonian Artikel benannten 182cm) angegeben.
    (70/80 cm Länge ist in etwa ein handelsübliches Maßband (doppelt genommen). Wenn ich mir das schräg über die Schulter hänge, geht es bis runter zur Hüfte, das könnte also passen.)
  • Dargestellt / vorgestellt werden Körperketten an schmalen Büsten mit der vorderen „Kreuzung“ im oberen bzw. mittleren Teil des Brustbeins.
  • Die Personen, die diese Ketten trugen, soweit bekannt, sind junge Mädchen (Fayum Portrait) oder vermutlich Prostituierte (Pompeij Fund), zumindest aber keine Matronen.
  • Es wäre es nicht uninteressant zu erfahren, ob Körperketten nach dem 1./2. Jahrhundert überhaupt noch getragen wurden. Denkbar ist auch, dass sie nur noch zu zeremoniellen Anlässen dienten, oder als reine Grabbeigabe, Wandschmuck oder dergleichen.
  • Interessant für meine Persona wäre am ehesten die Kette aus Rumänien.
  • Es gibt für mich zu wenig Hinweise darauf, dass Körperketten in der Spätantike von ehrbaren Frauen getragen wurden.
  • Oh, und ich muß noch Excavated Roman Jewelry: The Case of the Gold Body Chains lesen.

Bleibt neugierig!

römische Textilien aus Mainz

Die liebe Catalina wies mich auf die Newsletter von pallia.net hin, die durchaus des Reinschauens wert sind!

deutscher Newsletter:

https://www.pallia.net/component/acymailing/listid-2-pallia-newsletterdeutsch

Mit Hinweisen zu einer Arbeit „“Material und Verarbeitung textiler Rohstoffe in der römischen Epoche am Beispiel der Funde aus Mainz“ https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/handle/10900/111835

sowie einem Link zum Teppich von Bayeux in Großauflösung: https://www.bayeuxmuseum.com/en/the-bayeux-tapestry/discover-the-bayeux-tapestry/explore-online/

englischer Newsletter:

https://www.pallia.net/component/acymailing/listid-3-pallia-newsletter-english

Mit einem Hinweis zu einer Konferenz „Medieval French without borders“, die dieses Wochenende stattfindet: https://mvstconference.ace.fordham.edu/medievalfrenchwithoutborders/conference-program/

Ihr entschuldigt mich, ich muss ein paar Newsletter nachlesen …. 🙂

Vortrag: Römische Ausgrabungen in Irchester

Master Duncan Kerr hat mich dankenswerterweise auf einen Online-Vortrag hingewiesen, der heute Abend kostenlos stattfindet (nach Anmeldung):

Im Mai 2015 war ich das zweite Mal in Leicester, und habe zu diesem Zeitpunkt nicht nur (abermals) die (tolle, und im Jahr 2015 im Gegensatz zum Stand fast direkt nach dem Sensationsfund bereits wesentlich modernisiertere) Ausstellung über Richard III. gesehen, sondern auch römische Exponate. Hätte ich damals gar nicht gedacht, dass es sowas gibt. Hier auf flickr sind ein paar Bilder der Ausstellung (Seite 3 unten und Seite 4; Link führt zum ersten Bild des „römischen“ Teils, dann einfach weiter nach rechts klicken bis wieder reguläre Leicester Touri-Bilder kommen), eine Handvoll zeige ich euch auch im Folgenden:

Kurze Notiz für mich: regelmäßig mal hier nach weiteren Vorträgen schauen: http://leicsfieldworkers.co.uk/whats-on-2021/

Ranzen und Taschen im Frühmittelalter

Eine schöne Übersicht über Schultertaschen, Pilgertaschen, Beuteln (auch aus Sprang) und Gürteltaschen mit Abbildungen und Fotos von Funden aus der jeweiligen Zeit, sowie Quellen befindet sich hier:

http://europa.org.au/index.php/articles/21-bags

Interessant für mich (ca. 450 AD) sind diese Taschen:

Ledertasche aus Grab 2268 von Krefeld-Gellep

48 Krefeld-Gellep ideas | burial, two by two, migrations
48 Krefeld-Gellep ideas | burial, two by two, migrations

Reste einer Tasche oder Kopfbedeckung aus Sprang, 43 x 26 cm.
(Cooper Hewitt Museum, Zugangsnummer 1971-50-482)

Fragment of headcovering or bag striped alternately red and green, with pattern of decorative holes.

Garten der Farben im Kulturhaus Stein

Die Trachtenberatungsstelle Mittelfranken informiert mich, dass auf dem Gelände des Kulturhauses in Stein in Mittelfranken (Asbacher Weg) ab dem Sommer 2021 ein Gartenbereich entstehen soll, der heimische Färbepflanzen vorstellt. Leider findet man dazu generell wenig online, aber ich wollte es zumindest mal notiert haben. Ich hoffe, ich erinnere mich im Sommer daran, mal nach Stein rauszufahren.

https://www.trachtenforschung.de/#kulturhaus