Über Mitmenschlichkeit

Disclaimer/Vorwort: Die folgenden Absätze haben wenig mit Reenactment zu tun, gleichzeitig aber doch wieder sehr viel. Immer wieder läuft uns, gerade im geschichtlichen Bereich, rechtes, rassistisches Gedankengut über den Weg. Und natürlich beeinflusst das auch unser Spiel. Wie geht man damit um? Ein Weg kann „Nazis schlagen“ sein. Entsprechende Clips werden immer wieder zirkuliert. Es ist nicht mein Weg.

Ich persönlich bin dagegen, Menschen zu verletzen oder lächerlich zu machen. Ja, das schließt Menschen ein, die meine Ansichten nicht teilen. Ich verstehe, wenn das nicht jedermanns Ansicht ist. Ich verstehe, wenn es schwer zu verstehen ist.

Rassisten, Nazis etc. aufzeigen, ihre Fehler sichtbar machen (sie im Idealfall dazu bringen, diese Fehler zu erkennen) und sie mit ihren eigenen Waffen, Sprüchen, mit Fakten, Daten und ihrer Propaganda zu schlagen – das ist mein Weg. Aber nichts darüber hinaus. Keine künstliche Übertreibung, keine Schikane, keine Gewalt. „Wenn ich diesen Weg gehe, bin ich nicht besser als die, die ich ablehne“ sage ich gemeinhin. Oder, wie ein guter Freund von mir zitiert „Die Denkweise eines Menschen erkennt man an den Mitteln die er benutzt.“

Ist das gerechtfertigt? Ein kleiner Ausflug in die Philosophie (mit Dank an den Guardian).
Seit Jahrtausenden streiten Menschen über die Frage, was „gut“ und „schlecht“ ist. Wie definiert man das?

Ein Weg wäre, Regeln aufzustellen. Könnten wir eine Regel aufstellen, die wir überall und konsequent anwenden wollen? „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu„? Wenn eine Regel es wert ist, befolgt zu werden, wird sie „gut“. Wir sind uns also, denke ich, einig, dass „Gewalt ist schlecht“ eine moralische „gute“ Regel ist: Sie kann universell angewendet werden.
Was ist nun aber, wenn eine weitere „gute“ Regel ist „Den Nazismus zu stoppen ist gut„? Heißt dann der Umkehrschluss: „Gewalt ist schlecht, außer wenn sie Nazismus stoppen kann„? Und wohin führt das? Wenn „den Nazismus stoppen“ extreme Gewalt bedeutet, dann ist extreme Gewalt nach dieser Regel gerechtfertigt. Und widerspricht unserer anderen Regel „Gewalt ist schlecht„. Sie ist nicht mehr universell anwendbar.

Versuchen wir einen anderen philosophischen Ansatz: „Wenn eine Handlung mehr Glück in die Welt bringt, dann ist diese Handlung gut.“ Wenn das Schlagen eines Nazis bedeutet, den Nazismus zu verhindern, dann ist das Schlagen von Nazis gerechtfertigt. Der Zweck heiligt die Mittel.
Damit wird aber jede Handlung gerechtfertigt, wenn sie nur zu „mehr Gutem“ führt. Wenn das Töten eines Unschuldigen bedeutet, Hunderte zu retten, dann ist Mord gerechtfertigt.
Wenn also in diesem Rahmen „gute“ Handlungen gerechtfertigt sind, aber eben auch „schlechte“, macht es dieses Moralsystem nutzlos.

In einem gesellschaftlichen Klima, das rassistische Überzeugungen hervorbringt und akzeptiert, werden über kurz oder lang entsprechende Handlungen normalisiert und vor allem: vollzogen. Das kann man denke ich heute fast überall auf der Welt sehen; mein bestes Beispiel dafür wäre der Mord an Walter Lübcke, aber es gibt noch viele mehr. Ein derartiges Klima will denke ich niemand. Also, ich zumindest nicht.
Aber: Es geht nicht darum, Rassisten zu zensieren, sondern darum, ob wir wollen, dass sie sich in unserer Gesellschaft wohl fühlen beim Verbreiten ihrer Meinung.

Kann man daraus eine Regel machen? „Es ist gut, höflich und freundlich zu Menschen zu sein. Außer gegenüber Menschen, die verschiedene Rassen ausrotten wollen.“
So weit, so gut. Jedoch: Diese Regel rechtfertigt keine Gewalt. Sie besagt, dass diese Menschen nicht den gleichen Respekt verdienen, den ich anderen entgegenbringen würde.
Es ist aber ein Unterschied, ob man ein Verhalten, das man allen anderen gegenüber an den Tag legt, negiert und sagt „Sei nicht nett zu Nazis“ oder zu einer aktiven Handlung aufruft: „Schlage Nazis“.

Ich persönlich möchte, dass niemals Gewalt angewendet wird, auch nicht im Namen des Schaffens einer „Nicht-Willkommenskultur“. Schläge und körperliche Schmerzen werden rassistische Ansichten nicht ausmerzen. Im Gegenteil. Ja, es kann die Äußerung solcher Ansichten weniger angenehm machen, die Menschen und ihre Meinung in den Hintergrund/Untergrund drängen. Um welchen Preis?

Ich kann verstehen, dass es Leute gibt, die meiner Argumentation hier nicht folgen.
Aber: dies sind meine persönlichen Grundwerte zum Thema Mitmenschlichkeit. Und für mich ist das Credo „Keine Gewalt“ höher aufgehängt als andere moralische Regeln.

Leben in Bildern

Weil es so schön war, habe ich gestern für unseren Besuch die Apicius Rezepte gleich nochmal nachgekocht. #mySCA #roman #romanrecipes #reenactment #lebendigegeschichte
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Brot und Milch („french“ toast)

Apicius: De Re Coquinaria, Buch VII, XIII Home-made sweets, 3. Aliter dulcia

XI. DVLCIA DOMESTICA ET MELCAE
(keine Ahnung, warum sich die Nummerierungen von LacusCurtius und der Augustana unterscheiden)

3. Aliter dulcia: siligineos rasos frangis, et buccellas maiores facies. in lacte infundis, frigis [et] in oleo, mel superfundis et inferes.

Andere Süßigkeiten: rasierter Roggen (wohl Weizen) (Pause?Absturz?), etwas größere Bissen. In Milch einlegen, braten in Öl, Honig darüber und auf den Teller.

Von Ei (ovum) ist hier interessanterweise im Original überhaupt nicht Rede. LacusCurtius übersetzt dennoch: Break slice fine white bread, crust removed, into rather large pieces which soak in milk and beaten eggs fry in oil, cover with honey and serve.

  • 3 Eier
  • 200 ml Milch
    (Ich frage mich, ob es sinnvoll sein könnte, Sahne auszuprobieren, nachdem es H-Milch wohl eher nicht im römischen Reich gab. Dann könnte es auch mit dem Anbraten ohne Eier funktionieren?)
  • 6 Scheiben Toastbrot
  • Honig, Mohn, Zimt

Eier und Milch verquirlen, Toast kurz (!) darin wenden (das Brot sollte gut getränkt sein, aber nicht auseinander fallen), in Öl von beiden Seiten anbraten. Servieren mit Honig. Und in meinem Fall mit Mohn, weil der weg musste, und Zimt, weil es den schon gab im römischen Reich.

Aus der restlichen Eiermilch habe ich kurzerhand Rührei gemacht – man muss ja nichts umkommen lassen.

weiße Bohnen in Senfsauce (eine Art Bohnensalat)

Ein Rezept nach Apicius De Re Coquinaria, Buch V, Kapitel 6.3.

Fabaciae virides et Baianae
III. Aliter: fabaciae ex sinapi trito, melle, nucleis, ruta, cumino. Ex aceto inferuntur.

Grüne und baianische Bohnen
Anders: Bohnen aus Senf (dritter Senf?), Honig, Samen (Pinienkerne), Raute, Kreuzkümmel. Mit Wein (Säure/Essig) servieren.

Raute (ruta graveolens) ist im Deutschen die sogenannte Weinraute. Der Geschmack wird als stark und eigenwillig, aromatisch-süß­lich und ziemlich bitter beschrieben. Für den bitteren Geschmack ist das Rutin verant­wortlich, das auch in Kapern oder Orangenschalen enthalten ist. Es gibt diverse Vorschläge, Raute in heutigen Rezepten zu ersetzen (weil man sie schwer erhält und sie ziemlich gefährlich ist), unter anderem Wermut (halte ich jetzt für nicht so ganz zielführend, wenn ich mir die Beschreibung des Geschmacks so durchlese), Absinth (ganz andere Richtung) oder Beifuß oder Bertram (hab ich noch nicht mit gearbeitet). Wenn es um Bitterkräuter im weitesten Sinne geht, würde ich am ehesten einen Ersatz mit Angostura probieren. Allerdings erst beim nächsten Mal, in folgendem Rezept habe ich die Raute einfach weggelassen.

Für meinen Versuch:

  • 1 Dose weiße Bohnen (250g Abtropfgewicht)
  • 75 g Pinienkerne
    (etwas einweichen vorher hilft; ich hab sie in Wasser gegeben, bevor ich zum Einkaufen gegangen bin, also in etwa 1 Stunde vorm Verarbeiten)
  • 2 EL Kreuzkümmel (Cumin)
    (das ist *nicht* Kümmel! großer Unterschied! Ich habe nur gemahlenen bekommen, daher etwas weniger genommen)
  • 1 EL schwarze Pfefferkörner
    (wenn ihr nur gemahlenen Pfeffer bekommt, bitte auch etwas weniger dosieren)
  • 1 EL Senf
    (ich war etwas großzügiger)
  • 1 EL Honig
  • 2 EL Rotwein(essig)
    (in meinem Fall Aceto balsamico)
  • 2 EL Dessertwein (steht nicht im Original, rundet das Ganze aber ab)

Die Bohnen abgießen, abspülen, zur Seite stellen. (Ansonsten kann man auch Augenbohnen nach Packungsanweisung kochen, ich hab einfach die Dose genommen – war für den Moment einfach genug).

Pfeffer und Kreuzkümmel in einer Pfanne kurz anrösten, damit das Aroma rauskommt (nach Gefühl ;)). Pinienkerne abgießen.

In einem Mörser die Gewürze und die Pinienkerne zerkleinern, später Senf, Honig, Essig und Wein dazu, alles zu einer Sauce verarbeiten. (Leute ohne Mörser können sicher auch einen Mixer nehmen, meine Sauce war etwas stückiger, weil mir irgendwann das Handgelenk weh tat :)).

Sauce mit den Bohnen vermengen. Guten Appetit!